Nov 202011
 

Dank etherpad gibt es eine Vielzahl an Dokumentationen einzelner Sessions des heutigen Tages, die mehr oder weniger intensiv kollaborativ während der Präsentationen und Diskussionen entstanden. Insgesamt hat sich der Tag gelohnt, auch wenn ich bedaure, gestern nicht beim Schulforum dabeigewesen zu sein, da ich Fachseminar hatte. Anhand der posterbehangenen Wände am heutigen Tag konnte ich feststellen, dass dort einige interessante Auseinandersetzungen zu Themen wie individualisierter Unterricht und selbstorganisierte Lernformen auf dem Schulforum gelaufen sein müssen.

Ich kam gerade noch rechtzeitig zur Vorstellungsrunde der rund 200 Teilnehmer/innen und der anschließenden Sammlung der heutigen Sessions.

Die etherpads zu den einzelnen Sessions samt Titel sind wie folgt:

  • “Guter Bulle böser Bulle. Erst schießen dann fragen oder Harry holt den Wagen – lernenzweinull oder was?!” von Sascha Kaiser und André Mersch wird dokumentiert unter http://piratepad.net/educamp11

(Fortsetzung folgt möglicherweise hier: http://www.freie-bildungsmedien.de/pad/p/ecbi11 )

 

Nachdem ich mir Kaffee organisiert hatte und ein paar informelle Gespräche am Rande führen konnte, gesellte ich mich zur Session “Wiki@School”, in der ein Praxisbeispiel für die Verwendung von Wikis in der Schule Thema war. Vorgestellt wurde das seit Mitte diesen Jahres laufende Wiki http://archenhold.hummel2010.twoonix.com/ einer Medienprofil-Klasse, das allerdings passwortgeschützt ist. Nutzungskontext ist eine Sammlung von Materialien für den Fachunterricht vor allem in Mathematik und Physik, die auch Teilgrundlage der Bewertung ist. Viele der Fragen zielten vor allem auf die Reaktionen des Kollegiums, vor allem was die Vorkenntnisse mit der Technik anbelangt. Andere Fragestellungen zielten eher auf die Kontrollierbarkeit und Plagiate sowie technische Unterstützung für die Umsetzung. Hier gibt es scheinbar auch kommerzielle Unternehmen, die Wikis für Schulen einrichten und warten. Allgemein schien mir die Technikaffinität in dem Kreis der Session eher gering, aber der Anteil an praktizierenden Lehrerinnen und Lehrern ziemlich hoch. Eine kritische Nachfrage, die ich auch begründet fand, war die nach dem tatsächlichen Mehrwert für den Lernerfolg, denn im vorgestellten Praxisbeispiel werden “letztendlich doch nur die Strukturen eines Klassenordners bzw. eines Merkhefters übertragen”. Darüber lässt sich natürlich streiten, vor allem im Hinblick auf andere Softwarelösungen, die viele Vorteile eines Wikis ebenso oder sogar günstiger erfüllen (vgl. meinen etwas älteren Kommentar zum Vergleich Wikis-Blogs) Hier scheinen mir viele webbasierte Werkzeuge im Allgemeinen wenig bekannt zu sein oder auch zu wenig Umgang mit diesen Ursache für Nicht-Nutzung zu sein. Als generelle Hemmschwelle für den Einsatz in der Schule stellte sich neben einer potentiell befürchteten finanziellen Belastung von Schulen die fehlende Medienkompetenz in vielen Kollegien zu sein, wo “viele gerne an die Hand genommen werden”. Als eine Strategie wurde eingeworfen: “Akzeptanz schaffen durch Nutzen”, wie beispielsweise die Nutzung eines Schulkopierers übers Netzwerk von zu Hause aus.

Ein weiterer interessanter Aspekt an der Session war die Frage nach der Portierbarkeit des Content, also inwieweit es möglich ist, erstellte Inhalte aus dem Schulkontext heraus später weiter verwenden zu können. Hierauf wurde insofern eingegangen, dass sich sowohl Backups als auch pdf Dateien aus einem Mediawiki zum Beispiel erzeugen lassen. Eine grundlegende Kontroverse zeichnete sich in Bezug auf die Öffentlichkeit ab. Während das vorgestellte Praxisbeispiel bewusst für die Nutzung als klasseninternes Medium entschieden hat, das also somit nur für alle Schüler/innen sowie Lehrer/innen dieser einen Klasse zugänglich ist und passwortgeschützt, gab es auch ein Plädoyer für (welt)offene Wikis, damit beispielsweise auch das Kollegium sieht, wie so etwas aussehen kann. Es gab die Einschätzung, dass der Gewinn für die Medienkompetenz durch die Wiki-Nutzung enorm sei. ( http://rmgwiki.de )

Durch die Herangehensweise der geschlossenen Nutzung hätten die Schüler/innen die Möglichkeit, auch Sachen hochzuladen, die sie sonst nicht hochladen würden (beispielsweise aus Angst vor Fehlern). Zum Thema Heterogenität hieß es: “Wiki ist nur ein Werkzeug zur kollaborativen Arbeiten”. Aber es wurde auch festgestellt, dass nicht alle Schüler/innen das Wiki lieben und es auch viel Arbeit mit sich bringen kann. Kurz vor Ende der Session wurde noch einmal das organisatorische Thema der Einbettung in Schulen angesprochen, indem gefragt wurde, ob es Netzwerker an den Schulen gebe, die Wikis nutzen, die andere anleiten.

Mein Gesamteindruck der Session war, dass es ein sehr mühsames Geschäft sein kann, Innovationen in Schulen umzusetzen, wobei Wikis beim aktuellen Stand der Technik schon nicht mehr innovativ zu nennen ist, sondern eher von gestern (die ersten Wikis gab es bereits vor 20 Jahren, Wikipedia als besonders populäres Beispiel seit 10 Jahren) aber an Schulen durchaus spezifische Hindernisse lauern können.

Nach einer kleinen Pause, die länger wurde lief ich kurz an der Session zu “Social network game” vorbei und schnappte noch einige Diskussionen zur Umsetzung eines offline-Spieles zur Funktionsweise und Konflikten mit social networks auf, insbesondere zu facebook. Ich finde die Idee erstmal prima, ein Spiel zu entwickeln, dass es ermöglicht, komplexe Sachverhalte didaktisch reduziert zu thematisieren und damit zum kompetenten Umgang mit social networks beizutragen. Aber vermutlich wird die Modellierung eines solchen Spieles auch durchaus anspruchsvoll. Ich bin gespannt auf die weitere Entwicklung.

Wenn ich so die Dokumentation zur Session “Recherche” anschaue, wäre ich da auch gerne dabeigewesen, gerade auch weil ich auf der Linken Medienmesse letztes Jahr bei einem Workshop von “Netzwerk Recherche” spannende Inspirationen sammeln konnte und die Dokumentation in eine ähnliche Richtung weist, nämlich dass gute Recherche mit Wikipedia und Google kompetenten Tiefgang braucht und auch das Wissen um Alternativen und nicht-digitale Quellen.

Die nächste Session,bei der ich von Anfang an dabei war war zum Thema “Kanon für die Schule, was gehört dazu?”, die vor allem in eine Diskussion zum Thema Bildung generell verlief und inwieweit Kinder und Jugendliche selbstbestimmt lernen sollten oder Wissensvermittlung und verbindliche Inhalte von oben festgelegt werden sollten. Einige der Beiträge fand ich schon auch grenzwertig vom Menschenbild, also Schüler/innen auf Wissensspeicher reduzierte Wesen, die “zum mündigen Bürger” erzogen werden sollen, als ob sie nicht schon eine gewisse Mündigkeit und individuelle Erfahrungsschätze mit sich bringen würden. Ich denke auch, dass Kompetenzen einen Kontext brauchen und es sicher auch Ziel von Unterricht ist, Inhalte zu vermitteln. Aber eine Orientierung von Unterricht und Bildung primär an der beruflichen Verwertung ist weder allgemeinbildend noch gesellschaftlich wünschenswert oder zukunftsweisend. Interessant war in dieser Session die Thematisierung von Herrschaftswissen und Machtkämpfe um Deutungshoheiten in der Arena der Bildungspolitik und -gestaltung. Historisch wurde konträr zur von oben kontrollierten Wissensvermittlung die Entwicklung der 90er als “Krieg der Bürokratie gegen die Basis” bezeichnet, der leider für die Basis, also engagierte Lehrer/innen, verlohren ginge und heute seinen Ausdruck in Zentralabitur und zentralisierter Zurichtung von Unterrichtsgestaltung finde.

Im Kontext der Unterrichtsplanung sei es zielführend “zuerst das warum und darüber das wie und dann das was” zu entwickeln, so eine Teilnehmerin. Ein weiteres Statement war: “ich finde nicht, dass ich als Lehrer für die Kinder entscheiden kann was notwendig ist und was nicht, so ein Kanon ist willkürlich, Kompetenzen sind wichtig” sowie “die Softskills werden die Hardskills sein”. Leider war die Gruppe nach meinem Eindruck zu groß, um eine inhaltlich tiefergehende Diskussion zu führen und die Zeit zu knapp (jede Session auf dem Educamp hat etwa 45min).

Als dritte Session, die ich vollständig besuchte hab ich bei Christian Spannagel, den ich heute zum ersten mal persönlich traf, aber schon häufiger gelesen habe, das Konzept des “flipped classroom” mit erprobt. Die Idee ist, Vorbereitung statt Nachbereitung umzusetzen, also in seiner Vorlesung zum Beispiel erst die Vorlesung zu Hause als Youtube-Video anschauen und dann die Vorlesungszeit ohne Anwesenheitspflicht zur Klärung von Fragen zur gesehenen Vorlesung intensiv in Diskussionen zu nutzen. (siehe z.B. http://edudemic.com/2011/10/whats-a-flipped-classroom/ ) Wie eine solche “Massendiskussion” aussehen kann, erprobten wir gleich selbst, indem wir in zwei Gruppen geteilt wurden, um Pro und Contra Argumente zum vorgestellten Thema zu sammeln und dies dann strukturiert zusammenzutragen (ein Moderator und ein Protokollant und die beiden Gruppen, die ihre Argumente der Gesamtgruppe vortragen). Das war ein ziemlich intensiver Austausch der ziemlich selbstorganisiert war. Voll gut auch, freie Materialien zu erstellen, die unkommerziell verwendet werden können.

“Es gibt dann viel mehr Zeit für Studierende, 90 min nur für Fragen und Diskussion statt Vorlesung”. Vor allem der Aspekt, dass man sein Tempo selbst bestimmen kann, wird von vielen Studierenden postiv wahrgenommen.

Hier sind unsere verschriftlichten Diskussionspunkte:

Pros/Möglichkeiten/Chancen:

  • Individuelle Lerngeschwindigkeit
  • Fragen können vorher durchdacht werden
  • Zeitliche örtliche Unabhängigkeit (der Prof in der Tasche)
  • Nicht der abstrakte Text, sondern der authentische Lehrende vermittelt
  • Multisensuales Erlebnis
  • Medienkompetenz
  • Materialtransparenz (Student kann sich auf Inhalt konzentrieren, statt mitzunotieren)
  • Input-Phase vor dem Treffen → Vertiefung der Materie
  • Einstieg in Vorlesung mit Frage
  • in Vorlesung können auch nicht immer Rückfragen gestellt werden (als Gegenargument zu “es können keine Rückfragen gestellt werden”)
  • Es gibt Selbstlernzentren und Bibliotheken für Schülernutzung (als Gegenargument zu “nicht alle Schüler haben technische Möglichkeiten”)
  • Es gibt Zeit für wirklich wichtige Debatten
  • bessere Visualisierung vorstellbar in den Videos (als Gegenargument zu “Frontalvortrag”)
  • direkter lebhafter Vortrag zum genießen
  • ergänzend, nicht ausschließlich, d.h. es gibt auch zusätzlich Bücher usw.
  • das Konzept gibt es bereit: Vorbereitung statt Nachbereitung ist nicht notwendig frontal, interssantes Material ist denkbar
  • Lehrperson hat besseren Einblick in Verständnis von Schülern
  • Nutzung der Videos von anderen Lehrern ist denkbar, “Remix”
  • man könnte das Video ja nochmal gucken
  • Aktivierung durch Kooperation, Diskussions-Vorlesung
  • zum Schulkontext: Unangenehm für Schüler, wenn keine Hausaufgaben, daher werden sie es machen
  • in gemeinsamer Session lassen sich Gruppenprozesse besser initiieren
  • klassische Prüfungsvorbereitung, Alles immer wieder anschaubar

Contras/Grenzen/Risiken:

  • keine Möglichkeit für Zwischenfragen
  • Rückfragen sind nur zeitversetzt möglich und evtl. sind dann weitere Videothemen unverständlich
  • technische Möglichkeiten der Schüler, z.B. sozial schwächere?
  • Inhalte über Lehrervortrag zu vermitteln ist häufig ungeeignet und nicht Stand der Zeit
  • kritische Positionen sind im Vortrag nicht mehr möglich, nur noch Input
  • Urheberrechte und Behörden? (vor allem in der Schule)
  • gleiche Augenhöhe ist möglicherweise gar nicht gewünscht
  • Lehrperson könnte verunsichert werden von der Kamera
  • was mache ich im Unterricht, wenn es keiner geguckt hat?
  • ich will mich dem nicht aussetzen, dass andere das vielleicht per Video besser machen als ich
  • Schulunterricht ist nicht freiwillig, was ist mit denen, die nichts geguckt haben, die stören dann, damit ist der Gewinn dahin

Und dann gab es noch eine Session zu „Facebook in der Schule“, in der wieder einmal ähnliche Kontroversen vorzufinden waren, wie bereits auf dem letzten EduCamp. Ich denke auch nicht, dass Facebook links liegen gelassen werden sollte, aber denke immer noch, dass eine aktive Nutzung als Werkzeug durch die kommerziellen Interessen von Facebook und weitere Problematiken nicht in Frage kommt. Und das, obwohl die Erreichbarkeit und die Versorgung mit Informationen für die Schüler/innen sicherlich günstiger ist, als jede andere Form derzeit.

Insgesamt bin ich sehr motiviert, auch das nächste mal wieder am Educamp teilzunehmen, vor allem für informellen Austausch und innovative Ideen für den Unterricht sowie einen aktuellen Blick über den Tellerrand. Spannend zudem ist die technische Visionarität, die ich sonst selten antreffe, dass tatsächlich parallel zu Diskussionen Dokumentationen entstehen sowie eine Anreicherung der Diskussion via Twitter, was ich ziemlich inspirierend finde, um stärker über Potentiale von Social Software nachzudenken. Danke und bis zum nächsten mal :-)

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  One Response to “#ecbi11 ein erster Bericht”

  1. Noch eine Ergänzung: Ein Artikel von Chrisian Spannagel zu unserer “flipped classroom” session inklusive youtube aufnahmen der session: http://cspannagel.wordpress.com/2011/11/21/der-flipped-classroom-auf-dem-educamp/

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